Die Ermordung der Instagram-Künstler*innen

Vorlesen

Die Instagram-Profile unserer unzähligen „Künstlerinnen und Künstler“ zeigen deutlich, wie hilflos diese armen Menschen den Sozialen Medien ausgeliefert sind. Scheint es doch so, als müssten sie, diese armen Künstlerchen, sämtliche Gadgets, Features, Filter und Variationen immer sofort nutzen, als würden sie also von diesen Gadgeds, Features und Filtern immer sofort eingenommen, und von den lustigen und aufregenden Spielereien sofort in ein Abhängigkeitsverhältnis gezogen werden. Die Neuen Gadgeds und Filter und Modifikationsangebote der Sozialen Medien unterwerfen tagtäglich unzählige „Künsterlinnen und Künstler“, indem diese ihre veränderten und modifizierten und witzig verzierten Gesichter täglich, beinahe stündlich, in die – künstlerisch immer völlig unbedeutende – Instagram-Sphäre schicken, und somit die Ahnung bestätigen, dass sie selbst, diese „künstlerischen“ Menschen, den Glauben an die Notwendigkeit ihrer eigenen Arbeit vollkommen verloren haben. Selbstaufgabe hinter einem Katzengesicht, welch eine lustige Selbstenthauptung, der wir alle – tosend applaudierend - teilhaftig werden dürfen.

Mit diesen – sie werden sagen: immer nur ironsich gemeinten – Selbstmodifikationen, die (auch das werden sie sagen) natürlich immer auch eine Kritik in den endlosen Weiten der Kritikerinnen und Kritiker - Kritiken, doch in Wahrheit längst dort drinnen verloren gegangen und also wertlos geworden sind, versuchen sich unsere armen Künstlerchen selbst zu erhalten: „Noch schauen sich 1500 Leute täglich meine Story an, doch ich selbst weiß längst (und ich weiß, sie wissen es auch), dass all das dort Gezeigte so unendlich unbedeutend und längst dem Aussterben übergeben worden ist. Noch sehen sie zu! Schauen wie ich sterbe!" Und sie werden weiterhin zusehen, bis zum letzten Filter, bis zur letzten niederträchtigen Modifikation, bis zur entgültigen Selbstenthauptung, bis zum letzten Hieb, bis das letzte Neue ausprobiert und mit ihnen geteilt wurde. "Noch sehen sie zu! Noch gieren sie nach dem Schwachsinn, noch wollen sie sich vor sich selbst blamieren, selbst geißeln, noch sehen sie zu! Noch spühlen sie mich und sich hinunter, noch sinken wir gemeinsam, noch sehen sie zu!"

Ein Selbsterhaltungsversuch im Wissen darum, dass die Selbsterhaltung keinerlei Legitimation hat. Wozu da sein, wozu bleiben? Es ist der/die längst auf dem Boden Aufgeschlagende, der/die sich nichts anderes wünscht, als sich immer wieder fallen zu sehen. Denn in der Tat: Die Künstlerchen wissen natürlich um den Überfluss und der Blödsinnigkeit ihrer modifizierten Gesichter, und sie wissen auch, dass jedes weitere modifizierte Gesicht immer auch eine weitere Schaufel Sand auf ihrem eigenen Grab bedeutet. Leider sind unsere Künstlerchen zu schwach, zu kraftlos. Sie sind zu kraftlos, um sich ihren eigenen Überfluss einzugestehen, und so schaufeln sie also weiter, bis zur letzten Schaufel, und hoffen mit jeder weiteren Schaufel, dass eine Zeit kommen wird, in der die Selbstaufgabe, die Selbstenthauptung, das Zuschütten des eigenen Grabes also, dieses Fest der Blödsinnigkeit, nicht mehr nur zelebriert, sondern ernst genommen wird. Dies ist die heimliche Hoffnung unserer "Künstlerinnen und Künstler": das man ihren stillen Selbstmord endlich einmal ernst nimmt. Und weil sie selbst nicht mehr in der Lage dazu sind, geeignete Ausdrucksmöglichkeiten zu finden, unterwerfen sie sich vollends und mit einer unvorstellbaren Radikalität einem idiotischen System, welches diesen ihren Selbstmord natürlich nicht "ernst" sondern immer nur "idiotisch" und immer "idiotischer" erscheinen lässt. Unsere "Künstlerinnen und Künstler" wissen um ihre eigene Bedeutungslosigkeit und um ihre eigene Blödsinnigkeit, aber sie wissen nicht, wie sie damit umzugehen haben. Und nur aus Überforderung greifen sie zur Schaufel und begraben sich jeden Tag weiterhin selbst, indem sie jeden Tag ein weiteres ihrer modifizierten Gesichter zur Schau stellen und also immer weiter schaufeln. Sie schaufeln weiter und werden weiterhin behaupten, dass dieses ihr Geschaufle nur ein ironisch und immer kritisch gemeintes Schaufeln ist, und dass sie also, wenn schon Leichen, so doch kritische und ironische Leichen sind.

Es ist im Grunde alles gesagt worden und längst bekannt: Die Sozialen Netzwerke sind nichts anderes als riesige, unüberschaubare "Künstler und Künstlerinnen" - Friedhöfe, auf denen sich diese "Künstler und Künstlerinnen" pausenlos selbst begraben. Selten kommt es dann vor, dass Galeristen und "Förderer" über den Friehof streifen, um, sozusagen, „noch eine Schippe draufzulegen“. Was hingegen häufig, ja ununterbrochen, vorkommt ist, dass"Kulturbegeisterte" und "kulturell Interessierte" über den Friedhof streifen. Pausenlos spaziert das Kulturpublikum über unseren Friedhof, um die täglich neu zugeschaufelten Künstler-Gräber festzutreten. Die Künstlerchen modifizieren ihre Gesichter, und schaufeln ihre Gräber zu, und das Publikum betrachtet diese modifizierten Gesichter, und tritt den frisch auf das Grab geschaufelten Sand fest. Die Künstlerchen warten auf das Festtreten ihres Sandes und schaufeln fleißig und wie vom Selbstmord besessen weiter, und das Kulturpublikum schaut weiterhin, ebenso von der Selbstermordung der "Künstler und Künstlerinnen" besessen, die Storys der Künstlerchen an, um auch den neuen, frisch aufgeworfenen Sand aufs Neue festzutreten. Der gesamte Kulturbetrieb ist im Grunde ein einziges Begräbnis, eine einzige, einwandfrei funktionierende, Maschinerie des lebendig Begrabens. Und das eigentlich furchtbare ist, dass niemand sagen kann, wann dieses Begräbnis sein Ende finden, wann die letzte Leiche also endgültig begraben und somit endgültig der Verrottung übegeben werden wird. Die Künstlerinnen und Künstler schaufeln ins Schwarze hinein. Und sie werden weiterhin ins Schwarze hinein schaufeln, solange sie zulassen, dass das, über den Friedhof spazierende, Kulturpublikum an diesen ihren Selbstbegrabungs-Prozessen teilhaftig sein kann.

Gefällt mir
4
 

Weitere Freie Texte

Freie Texte

Fiona: Hoffnung

FIONA

Die Hoffnung klopft, so zaghaft sacht, doch bricht sie jedes Mal bei Nacht. Auch wenn sie den tag über nur lacht Hält sie der gedanke trotzdem die ganze Nacht wach Es wird bestimmt klappen Und ich kann es auch schaffen Und ich werde mich auch trauen, ... doch ... ich könnte es auch versauen Die Hoffnung, einst so zart und klein, ertrank in Tränen, kalt und rein. Sie fragt nicht mehr, warum, wofür, denn jede Antwort schweigt in ihr. Hoffnung nur ein positives Gefühl Sie glaubte daran doch dass ...
lesering
Freie Texte

Die Sehnsucht. Pindars Ode

Paweł Markiewicz

Du wie die Träumerei geboren von dionysischen Oden wie zarter Tag in deinem Wind – verzaubertem Schmetterling so wie das Goldene Vlies – zauberisch in der anmutigen Phantasie graziöses Paradies verloren ist doch gefunden und so schwärmerisch Du lotos-zärtlicher Tagfalter du – über den Vulkanen mit sanfter Flügel-Verzaubertheit verewigt in den Zeiten Ich möchte sein wie Du und ewige dankende Augen ein Heer der Gefühle scheint in fernen Mythen Ländern Ich wäre linder und unendlich wunderbar wie ...
lesering
Freie Texte

Irena Habalik: Hinter den geschlossenen Türen

Irena Habalik

werden die Gabeln poliert für die nächste Zugabe wird Posaune geübt für das Jüngste Gericht zu große Brust flach gelegt und geschmeckt zu kleiner Kopf in den Topf gesteckt wird laut diskutiert über die Abwesenheit der Milch wird geklagt über das Nachlassen der Schwerkraft Hinter den geschlossenen Türen wird die Liebe kalt begossen werden die Messer gewetzt, in die Tasche gesteckt die Unwahrheiten serviert zu den Mahlzeiten wird Brecht zitiert und Benn applaudiert das Perverse wird hier probiert ...
Freie Texte Freie Texte lesering
Freie Texte

Maxima Markl: Zeit

Maxima Markl

Ich schaue auf die Uhr vor, nach und während einer Tat die Zeit vergeht wenn ich nicht hinschaue Das Ticken einer Uhr ein Herzschlag Bist du tot, bleibt die Zeit für dich stehen Du veränderst dich nicht Bleibst gleich Bis die Zeit alle geholt hat Die sich an dich erinnerten Und die Uhr tickt weiter Früher gab es keine Uhr Keine Zeit Die Tage verschmolzen ineinander Aber es gab auch keine Tage Nur hell und dunkel War die Zeit dazwischen Sie floss wild Ungebändigt Und doch so stetig Bis man ihr ...
Freie Texte Freie Texte lesering
Freie Texte

Gabriele Ejupi: Die Last

Gabriele Ejupi

Der Schnee lastet schwer auf den Zweigen. Sie senken sich unter dem Druck, geben nach, verlieren ihren Widerstand. So lastet auch die Bürde des Lebens auf unseren Schultern, und auch wir geben nach, gehen nicht mehr so aufrecht wie einst. Wir versuchen, einiges abzuschütteln, die Last zu vermindern, sie in eine weit entfernte Ecke zu schieben. War es wirklich wichtig? Nicht alles verdient es, bis ans Ende unserer Tage getragen zu werden. Erinnerungen verblassen, und mit ihnen wird die Last ...
Freie Texte Freie Texte lesering
Freie Texte

Martin Neuhold:Lautlos

Martin Neuhold

Andere zerbrechen laut, und die Welt hält inne, reicht Hände, flüstert Trost. Ich zerbreche nach innen, schichtweise, lautlos, wie Holz, das von innen fault, bis nur noch die Hülle bleibt – aufrecht, unauffällig, brauchbar. Manchmal wünsche ich mir, zu schreien, zu explodieren, sichtbar zu sein im Splittern und Bersten. Aber ich bleibe still, wie immer, und funktioniere weiter, während mein Herz im Verborgenen zu Staub zerfällt.

Aktuelles

Heute Abend wurde dank der Unterstützung von Flossbach von Storch – Hauptsponsor der lit.COLOGNE – zum fünften Mal der OffSpring Award für junge Schreibende verliehen. Gewinner:in Carla Moschner nahm die Auszeichnung von Till Schmidt (Geschäftsführender Direktor Flossbach von Storch) entgegen. Schauspielerin Anneke Kim Sarnau trug die Texte der Finalist.innen vor. Fotocredit: ©Katja Tauber
Buchmarkt

Junge Literatur im Rampenlicht Carla Moschner gewinnt OffSpring Award der lit.COLOGNE 2025