Die See ist ruhig, das Wasser glitzert, Champagner fließt – doch unter der glatten Oberfläche lauert das Grauen. In „Die Yacht“ von Sarah Goodwin, erschienen im März 2025 bei Bastei Lübbe, wird eine exklusive Silvesterparty zum Albtraum. Der Thriller wirft nicht nur spannende Fragen über Schuld, Überleben und Vertrauen auf, sondern beleuchtet auch, wie dünn die Fassade unserer sozialen Rollen wirklich ist.
Worum geht es in „Die Yacht“?
Die Geschichte beginnt scheinbar harmlos: Hannah, eine Frau aus einfachen Verhältnissen, erhält eine Einladung ihrer früheren besten Freundin Libby zu einer luxuriösen Neujahrsparty auf einer Yacht vor der italienischen Küste. Die Freundschaft der beiden Frauen ist brüchig, und Hannah fühlt sich von Anfang an fehl am Platz – eingeschüchtert von Reichtum, Glamour und den perfekten Oberflächen.
Was als freundschaftliches Wiedersehen beginnt, kippt schnell in einen subtilen Machtkampf. Doch der wahre Horror beginnt erst am Morgen nach der Feier: Die Yacht ist manövrierunfähig, der Treibstoff ist aufgebraucht, alle Kommunikationssysteme sind ausgefallen – und einer der Gäste ist spurlos verschwunden.
Was folgt, ist ein psychologisches Kammerspiel auf offener See, bei dem nichts so ist, wie es scheint. Jeder hat Geheimnisse, und die Grenzen zwischen Täter und Opfer verschwimmen. Je länger die Gruppe isoliert bleibt, desto mehr zerfällt die glatte Fassade der feinen Gesellschaft.
Stilistisch spannend und atmosphärisch dicht
Schon auf den ersten Seiten zeigt sich: Sarah Goodwin versteht sich auf feine psychologische Spannungsführung. Wer hier einen klassischen Whodunit-Thriller erwartet, wird überrascht sein. Denn die Spannung entsteht nicht vordergründig durch Action oder spektakuläre Wendungen – sondern aus den unausgesprochenen Konflikten, die langsam, aber unaufhaltsam an die Oberfläche drängen.
Die klaustrophobische Enge der Yacht, das endlose, stille Meer, das Schweigen der verschwundenen Kommunikationsgeräte – all das wird so intensiv beschrieben, dass man beim Lesen beinahe selbst das Gefühl bekommt, gefangen zu sein. Die Dynamik zwischen den Figuren ist dabei das eigentliche Zentrum der Handlung. Hannahs Unsicherheit, Libbys subtiler Hochmut, das Schweigen der anderen – jede Interaktion ist wie ein Stich ins soziale Gefüge.
Reichtum, Macht, Isolation
Neben dem offensichtlichen Thriller-Plot behandelt „Die Yacht“ einige der relevantesten Fragen unserer Zeit:
Wie abhängig sind wir von Technik – und wie hilflos ohne sie?
Als die Yacht auf dem offenen Meer treibt, wird schnell klar: Ohne Kommunikation, ohne Treibstoff, ohne Orientierung sind selbst die Reichsten nur noch Menschen in Not.
Was passiert, wenn soziale Rollen auf engem Raum aufeinandertreffen?
Hannah, die Außenseiterin, wird unfreiwillig zur Spiegelung der High-Society-Gäste – und es stellt sich die Frage, wie lange alte Freundschaft gegen neue Machtverhältnisse bestehen kann.
Wie stark ist Freundschaft, wenn der Überlebensinstinkt erwacht?
Genau hier liegt der Kern des Romans. Denn in der Enge der Yacht, wo keine Flucht möglich ist, wird jede Reaktion zur Entscheidung: Mitgefühl oder Eigennutz, Vertrauen oder Misstrauen?
Sarah Goodwin: Eine Stimme für psychologische Spannung
Die britische Autorin Sarah Goodwin hat sich mit Romanen wie „Stranded“ einen Namen gemacht. Ihre Spezialität: psychologische Extremsituationen, in denen aus normalen Menschen tickende Zeitbomben werden. Sie studierte Englisch und Creative Writing und lebt heute mit ihrer Familie in der Nähe von Oxford.
Mit „Die Yacht“ setzt sie ihren Weg konsequent fort – ein Roman, der nicht auf Blut setzt, sondern auf die Unberechenbarkeit der menschlichen Psyche. Leser:innen, die Gillian Flynn oder Ruth Ware mögen, werden hier voll auf ihre Kosten kommen.
Für wen ist dieses Buch?
„Die Yacht“ ist perfekt für Leser:innen, die psychologische Spannung mit Tiefgang suchen. Wer gerne in zwischenmenschliche Dynamiken eintaucht und dabei ein Faible für elegante Settings hat, wird dieses Buch verschlingen. Auch Fans von Serien wie „The White Lotus“ oder „Triangle of Sadness“ dürften hier ihre Freude haben – denn auch in „Die Yacht“ entlarvt sich der Luxus schnell als Kulisse für soziale Abgründe.
Wer sich fragt, ob das Buch eher ein psychologischer Thriller oder ein klassischer Krimi ist, bekommt eine klare Antwort beim Lesen: Es ist ein Kammerspiel mit Abgründen, kein Rätselspiel mit Täteraufklärung. Der wahre Nervenkitzel liegt nicht im „Wer war’s?“, sondern im „Wie lange dauert es, bis jemand bricht?“
Ein Thriller mit Tiefgang und Stil
„Die Yacht“ ist weit mehr als ein Krimi auf dem Wasser. Es ist ein kritischer Blick auf Macht, Freundschaft und soziale Rollen – verpackt in einen atmosphärisch dichten Thriller. Sarah Goodwin gelingt das Kunststück, ein geschlossenes Setting mit vielschichtiger Handlung zu füllen. Der Roman ist spannend, durchdacht, und hält bis zur letzten Seite die Spannung hoch. Ein psychologisches Puzzle, das sich erst spät, aber sehr eindrucksvoll zusammensetzt.
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