Eine literarische Vision der nahen Zukunft
„Diese brennende Leere“ von Jorge Comensal – Wenn die Zukunft in Flammen steht
Mit „Diese brennende Leere“ hat Jorge Comensal einen Roman geschaffen, der brisanter nicht sein könnte: Er erzählt von einer Welt, die unserer zum Verwechseln ähnlich ist – nur wenige Jahre weitergedacht. In einer Gesellschaft, die zwischen wissenschaftlicher Fortschrittsgläubigkeit, ökologischen Katastrophen und spirituellem Vakuum oszilliert, entfaltet Comensal eine Geschichte, die klug, fordernd und zutiefst menschlich ist.
Worum geht es in „Diese brennende Leere“?
Wir befinden uns in Mexiko-Stadt, im Jahr 2030. Die junge Physikerin Karina widmet sich hochkomplexen Theorien zur Quantengravitation – bis ein plötzlicher Großbrand im Park Chapultepec alles verändert. Ihre demente Großmutter, für die Karina sorgt, offenbart ihr kurz vor dem Feuer ein lang gehütetes Familiengeheimnis. Der Brand selbst zerstört nicht nur einen Friedhof, sondern auch das Zooareal – Tiere sterben oder flüchten, und die Geister der Vergangenheit scheinen in die Gegenwart zu dringen.
Zusammen mit dem Friedhofswärter Silverio beginnt Karina, der Wahrheit über ihre Eltern und über die gesellschaftlichen Verwerfungen nachzuspüren, die dieser Brand nur allzu deutlich zutage fördert. Es geht um Erinnerung, Schuld, Spiritualität – und die große Leerstelle, die entsteht, wenn Menschen den Kontakt zur Natur und zu sich selbst verlieren.
Sprachlich fein und zugleich analytisch präzise
Comensals Sprache ist reich an Details, aber nie überladen. Er beherrscht das Kunststück, komplexe Ideen und gesellschaftliche Kritik in klare, dialogreiche Prosa zu kleiden. Dabei ist sein Ton oft ironisch, aber nie zynisch – und seine Figuren atmen trotz aller Gesellschaftskritik echte Menschlichkeit.
„Diese brennende Leere“ liest sich wie ein literarischer Hybrid: dystopischer Roman, philosophische Reflexion und Familiengeschichte zugleich. Comensal ist ein Erzähler, der seiner Leserschaft etwas zutraut – inhaltlich wie sprachlich.
Die großen Themen des Romans
Klimakrise als realer Hintergrund: Der Brand im Chapultepec ist nicht bloß eine Katastrophe – er steht symbolisch für die aus dem Gleichgewicht geratene Beziehung zwischen Mensch, Stadt und Natur. Der Zoo, die Tiere, die Friedhofsgeister – all das wird zu einem Bild der brennenden Welt.
Identität und Erinnerung: Karinas Reise ist auch eine innere. Sie muss die verdrängte Vergangenheit ihrer Familie rekonstruieren, sich gegen ihre eigene Rationalität behaupten – und herausfinden, wer sie wirklich ist.
Wissenschaft und Glaube: Was kann die Physik noch erklären, wenn die Welt aus dem Gleichgewicht gerät? Comensal stellt die Frage nach den Grenzen der Erkenntnis und eröffnet Raum für eine poetische, fast mythische Dimension.
Figuren, die im Gedächtnis bleiben
Karina ist keine typische Heldin. Sie ist verletzlich, überfordert, hochintelligent – und dabei zutiefst empathisch. Silverio, der Friedhofswärter, steht ihr als bodenständiger, pragmatischer Gegenpart zur Seite. Beide verkörpern unterschiedliche Lesarten der Realität – und müssen sich doch gemeinsam der Wahrheit stellen.
Nebenfiguren wie Karinas Großmutter oder eine illustre Nebenfigurenschar runden das Bild ab. Es sind Menschen, die zwischen Moderne und Tradition leben, zwischen Spiritualität und digitalem Leben, zwischen Erinnerung und Verdrängung.
Über den Autor: Jorge Comensal
Jorge Comensal wurde 1987 in Mexiko-Stadt geboren und zählt zu den spannendsten literarischen Stimmen Lateinamerikas. Sein Debütroman „Verwandlungen“ wurde bereits mehrfach ausgezeichnet. Comensal studierte Literatur und Philosophie und schreibt auch Essays und journalistische Texte.
Mit „Diese brennende Leere“ beweist er, dass er zu den wenigen Autoren gehört, die in der Lage sind, gesellschaftliche Dringlichkeit mit erzählerischer Raffinesse zu verbinden. Er ist ein kritischer, aber nie moralisierender Beobachter – und ein Autor, der globale Themen lokal verankert.
„Diese brennende Leere“ häufige Fragen
Was macht „Diese brennende Leere“ von Jorge Comensal so lesenswert?
Der Roman verknüpft Umweltkatastrophen mit psychologischer Tiefe und stellt essentielle Fragen: Wie gehen wir mit Vergangenheit um? Wie können wir in einer brennenden Welt Orientierung finden?
Ist das Buch eher ein Thriller oder ein literarischer Roman?
Weder noch – und beides zugleich. Es ist ein psychologisch tiefgründiges Werk mit gesellschaftlichem Spannungsbogen.
Gibt es das Buch auf Deutsch?
Ja. Es ist 2025 im Rowohlt Verlag in deutscher Übersetzung von Friederike von Criegern erschienen.
Ein großer Roman für unsere Zeit
Diese brennende Leere ist ein Roman über eine Welt, die unserer erschreckend ähnlich ist – über eine Gesellschaft, die sich selbst zu verlieren droht. Jorge Comensal liefert kein Endzeitdrama, sondern ein vielstimmiges, klug komponiertes Porträt unserer Zeit, voller Widersprüche, Verluste – aber auch voller Menschlichkeit.
Wer sich auf diesen Roman einlässt, wird nicht nur unterhalten, sondern auch zum Nachdenken angeregt. Es ist ein Buch, das bleibt – weil es von Dingen spricht, die wir allzu oft verdrängen.
„Ein Roman wie ein Spiegel: verstörend, ehrlich, notwendig.“