„HEN NA E – Seltsame Bilder“ von Uketsu – Wenn Bilder mehr sagen als Worte

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HEN NA E – Seltsame Bilder ist kein gewöhnlicher Kriminalroman. Das Debüt des japanischen YouTubers und Autors Uketsu ist vielmehr ein literarisches Experiment, das Leser:innen dazu auffordert, selbst Ermittler:innen zu werden. Uketsu hat mit seinem Sketch-Mystery-Stil eine neue Form geschaffen, in der Bild und Text gleichwertig koexistieren und sich gegenseitig ergänzen. Das Ergebnis ist ein spannender, verstörender und zugleich poetischer Roman, der sich jeder Genredefinition entzieht.

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Ein Kind, ein Bild, ein Geheimnis

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Miho Haruoka, eine Erzieherin, die auf den ersten Blick ein ruhiges Leben führt. Doch als der kleine Yūta plötzlich aus ihrer Kita verschwindet, beginnt eine verstörende Spurensuche. Der Schlüssel zur Wahrheit scheint in einer scheinbar harmlosen Kinderzeichnung zu liegen. Warum hat Yūta ausgerechnet die Wohnung übermalt, in der er lebt? Was verbirgt sich hinter dem grauen Fleck auf dem Papier?

Miho beginnt, die Zeichnung mit analytischem Blick zu betrachten – und entdeckt Hinweise auf eine verborgene Geschichte. Uketsu erzählt keine klassische Whodunit-Story, sondern eine Geschichte über die Macht der Wahrnehmung, über das, was Kinder ausdrücken, wenn ihnen Worte fehlen, und über das, was Erwachsene allzu oft übersehen. Der Roman entfaltet sich dabei in einem feinen, stillen Tempo, das mehr durch Atmosphäre als durch Handlung getragen wird.

Sketch Mystery – eine neue Literaturform

Uketsu ist nicht nur ein Geschichtenerzähler, sondern ein stilistischer Grenzgänger. Mit dem sogenannten „Sketch Mystery“-Stil hat er ein Format geschaffen, das in Japan bereits ein Trend geworden ist: Texte, die durch Illustrationen ergänzt – oder sogar unterbrochen – werden, sodass Leser:innen selbst miträtseln können. Die Illustrationen in HEN NA Esind dabei keine bloße Verzierung, sondern narrative Elemente. Sie dienen als Hinweise, Trigger oder stille Kommentare. Es ist eine Einladung zur aktiven Teilnahme am Lesen – fast schon wie ein visuelles Escape Room in Buchform.

Diese Form funktioniert besonders gut im Kontext der Geschichte, denn das zentrale Motiv ist ein Bild. Ein Kinderbild, das scheinbar harmlos ist, aber eine Geschichte erzählt, die tief in menschliche Abgründe reicht. Uketsu zeigt, dass ein Bild tatsächlich mehr als tausend Worte sagen kann – wenn man nur genau genug hinschaut.

Sprachlich reduziert, psychologisch intensiv

Uketsus Sprache ist zurückhaltend, fast nüchtern. Er verzichtet bewusst auf übermäßige Ausschmückung und lässt stattdessen Atmosphäre und Zwischentöne wirken. In kurzen, präzisen Sätzen skizziert er Szenen, die sich im Kopf der Leser:innen wie ein Film abspielen. Das macht HEN NA E trotz seiner Stille enorm eindringlich. Die eigentliche Kraft liegt nicht im Gesagten, sondern im Ungesagten.

Dieser literarische Minimalismus verlangt aufmerksames Lesen – und wird dafür mit einem tiefen psychologischen Verständnis belohnt. Denn Uketsu gelingt es, eine dichte Stimmung aufzubauen, die nicht durch Action, sondern durch emotionale Spannung getragen wird. Besonders die Figur der Miho Haruoka ist vielschichtig und glaubwürdig gezeichnet: eine Frau, die zwischen Verantwortung, Zweifel und Intuition pendelt.

Über den Autor: Uketsu – Der anonyme Star

Uketsu begann seine Karriere als Content Creator für die japanische Plattform Omocoro, bevor er mit surrealen, oft verstörenden Kurzvideos auf YouTube eine große Fangemeinde gewann. Seine Markenzeichen: eine weiße Maske und völlige Anonymität. Er tritt öffentlich nie ohne Verkleidung auf und gibt kaum Interviews. Gerade diese Distanz macht ihn für viele Fans so faszinierend.

Mit HEN NA E – Seltsame Bilder hat er seine erste literarische Arbeit vorgelegt – und damit einen beispiellosen Erfolg gelandet. In Japan verkaufte sich das Buch über eine Million Mal, wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und hat den Begriff „Sketch Mystery“ in der Buchbranche etabliert. Uketsu gilt heute als einer der einflussreichsten Stimmen einer neuen japanischen Popliteratur, die zwischen Internetkultur, Graphic Novel und psychologischem Realismus changiert.

Häufig gestellte Fragen zum Buch

Was bedeutet „HEN NA E“?
„Hen na e“ heißt auf Deutsch „Seltsames Bild“ – der Titel ist also zugleich eine Beschreibung und ein Hinweis auf das zentrale Motiv der Geschichte.

Ist das Buch ein typischer Krimi?
Nein. Es ist eher ein psychologischer Roman mit Mystery-Elementen und bildgestützter Erzählweise.

Gibt es Horror-Elemente?
Leise, subtile – ja. Aber es ist kein Horrorroman im klassischen Sinn. Vieles bleibt Andeutung.

Eignet sich das Buch für Einsteiger?
Wer Lust auf etwas Neues hat und sich auf Uketsus ungewöhnlichen Stil einlässt, wird belohnt.

Ein einzigartiges Leseerlebnis für alle Sinne

HEN NA E – Seltsame Bilder ist ein stilles, unheimliches und zutiefst kluges Buch. Es bietet keine einfachen Antworten, sondern fordert das Denken und die Vorstellungskraft seiner Leser:innen heraus. Wer bereit ist, sich auf das Unbekannte einzulassen, wird ein Leseerlebnis erfahren, das weit über die Seiten hinauswirkt.

Ein Muss für alle, die Literatur nicht nur konsumieren, sondern erleben wollen.

Für wen ist das Buch geeignet?

  • Für Leser:innen, die ungewöhnliche Erzählformen mögen

  • Für Fans psychologischer Spannung mit literarischem Anspruch

  • Für alle, die Mystery, Kunst und Literatur lieben

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