Am Sonntag, dem 10. November 2024, wurde der israelische Autor und Friedensaktivist David Grossman in Krems an der Donau mit dem Ehrenpreis des Österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln ausgezeichnet. Die Preisverleihung fand im Rahmen der Europäischen Literaturtage 2024 statt und bildete den Höhepunkt des Festivals. Dieser Preis, der seit 2017 verliehen wird, würdigt Persönlichkeiten, die sich für Toleranz, Frieden und kulturelles Verständnis einsetzen.
Laudatio und Anerkennung
Der Ehrenpreis des Österreichischen Buchhandels, mit einer Dotierung von 10.000 Euro, gilt als eine der wichtigsten literarischen Auszeichnungen in Österreich. Lothar Müller, der renommierte Literaturkritiker und Laudator des Abends, würdigte Grossmans Schaffen als „fortwährendes Streben nach Tikkun olam“ – einem im Judentum tief verwurzelten Konzept, das sich auf die „Reparatur der Welt“ bezieht. Müllers Worte betonten, wie Grossman durch seine literarische Arbeit den „zurückweichenden Horizont“ eines besseren Verständnisses der menschlichen Existenz erforscht. Diese tiefgründige Arbeit macht Grossman zu einer der einflussreichsten Stimmen Israels und einem wichtigen Brückenbauer zwischen verschiedenen Kulturen und Religionen.
Benedikt Föger, Präsident des Hauptverbandes des Österreichischen Buchhandels, überreichte Grossman die Auszeichnung und erinnerte dabei an die Werte, auf denen die deutschsprachige Buchbranche aufbaut: Frieden und Toleranz. Föger betonte die Verantwortung der Verlage und Autoren, durch Aufklärung und Dialog diese Werte zu fördern und in die Gesellschaft zu tragen.
David Grossmans Rede: Besorgnis um die Zukunft Israels
In seiner Dankesrede äußerte sich Grossman besorgt über die derzeitige Situation im Nahen Osten und beschrieb eine „neue, erschreckende Realität“. Er sprach von einem „absoluten Albtraum“, als er auf das Massaker vom 7. Oktober 2023 zu sprechen kam, und warnte vor einer „katastrophalen Situation“ für Israel. Dabei ging er nicht nur auf die politischen Spannungen ein, sondern äußerte auch die Befürchtung, dass Israel seine demokratischen Grundwerte verlieren könnte. Besonders kritisch setzte er sich mit der zunehmenden Welle des Antisemitismus auseinander, der sich wie „brennende Kohle im Wind“ weiter zu verstärken drohe.
Trotz seiner Sorge über die Entwicklung Israels und der Schwierigkeiten, sich weiterhin mit dem Land zu identifizieren, stellte Grossman klar, dass er Israel nicht verlassen wolle. Er unterstrich jedoch, dass es immer schwerer werde, das Land zu lieben, insbesondere aufgrund der anhaltenden Besatzungspolitik. Seine Rede war geprägt von einem tiefen Wunsch nach Frieden und Verständigung, den Grossman seit vielen Jahren sowohl in seinen literarischen Werken als auch in seiner politischen Arbeit vertritt.
Die literarische und persönliche Bedeutung des Schreibens für Grossman
Über sein Schaffen als Schriftsteller sagte Grossman, dass seine Werke die Stationen seines Lebens widerspiegeln. „Ich schreibe Bücher, wenn sie unvermeidlich sind“, betonte er und beschrieb sich selbst als „Masseur von Metaphern“. Für ihn ist das Schreiben eine Möglichkeit, die eigenen Gefühle zu verarbeiten und der Komplexität menschlicher Erfahrungen näherzukommen. Dieser kreative Prozess ermögliche es ihm, die Realität differenziert zu betrachten und die Vielschichtigkeit des menschlichen Daseins zu erfassen.
Grossman ist bekannt dafür, komplexe Themen wie Kriegstrauma, Friedenshoffnungen und menschliche Beziehungen zu behandeln. Seine Bücher, die in über 45 Sprachen übersetzt wurden, bieten eine tiefgründige Auseinandersetzung mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt und den emotionalen Konsequenzen dieses Konflikts. Zu seinen bekanntesten Werken gehören Der gelbe Wind und Eine Frau flieht vor einer Nachricht.
In einem eindringlichen Appell sprach sich Grossman gegen Boykottmaßnahmen gegenüber Israel aus, da solche Maßnahmen vor allem jene treffen würden, die für Dialog und Verständnis eintreten. „Wer sich angesichts herrschender Brutalität von Verteidigungsmechanismen lossagt, ist schon verloren. Als Israeli und Jude darf ich kein Opfer sein“, erklärte Grossman und machte damit deutlich, dass er trotz aller Widrigkeiten an der Überzeugung festhält, dass Dialog der einzige Weg zu einem friedlichen Miteinander ist.
Der Ehrenpreis des Österreichischen Buchhandels: Eine Auszeichnung für Toleranz und Dialog
Seit 2017 wird der Ehrenpreis des Österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln im Rahmen der Europäischen Literaturtage in Krems vergeben. Der Preis zeichnet Persönlichkeiten aus, die sich in besonderem Maße für Toleranz, kulturelles Verständnis und einen friedlichen Dialog einsetzen. Grossmans Auszeichnung reiht ihn in eine Liste namhafter Persönlichkeiten ein, die für ihr Engagement für ein friedliches Miteinander in Europa geehrt wurden.
Benedikt Föger betonte in seiner Würdigung Grossmans besonderen Beitrag zur Literatur und seine Rolle als intellektueller Vermittler: „Die Jury des Hauptverbandes des Österreichischen Buchhandels würdigt David Grossman mit dem Ehrenpreis für Toleranz in Denken und Handeln und zeichnet damit einen Autor und öffentlichen Intellektuellen aus, dessen gesamtes Werk erzählerische Kraft und sprachliche Meisterschaft mit dem Geist der Aufklärung und des Dialogs verbindet.“ Der Preis ist nicht nur eine Würdigung von Grossmans literarischem Schaffen, sondern auch ein Zeichen der Anerkennung für seinen Beitrag zum interkulturellen Verständnis und zur Förderung von Empathie und Dialog.
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